Caredrobe Pflegehinweise

Eine Arbeitskleidung zur Abgrenzung von Arbeit und Freizeit

Das Problem: Care-Migrant*innen schließen Versorgungslücke im deutschen Pflegesystem unter sehr prekären Arbeitsbedingungen

In Deutschland werden mindestens 500.000 pflegebedürftige Menschen von Care-Migrant*innen betreut. Sie schließen die Versorgungslücke im deutschen Pflegesystem, die angesichts einer steigenden Zahl von Pflegebedürftigen und akutem Fachkräftemangel immer größer wird. Meist handelt es sich bei den Care-Migrant*innen um osteuropäische Frauen, die für jeweils mehrere Monate zusammen mit den Pflegebedürftigen in einem Haushalt leben und dadurch eine „24-Stunden-Pflege“ ermöglichen.
Um das “Rundum-sorglos-Versprechen” zu erfüllen, mit dem viele Vermittlungsagenturen gegenüber Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen werben, wird von Care-Migrant*innen – auch “Live-Ins” genannt – vierundzwanzigsieben flexible Abrufbereitschaft und permanente Anwesenheit im Privathaushalt erwartet. Zu dieser ohnehin schon umfangreichen Leistung kommen die emotionalen und kommunikativen Aspekte einer Pflegebetreuung und oft auch die Übernahme inoffizieller Leistungen, wie etwa die Vergabe von Medikamenten. Weil die Beschäftigungsverhältnisse von behördlicher Seite kaum kontrolliert werden, kommt es nicht selten zu Überbelastung, Unterbezahlung und/oder Lohnbetrug. Zusätzlich erschweren die Isolation im Privathaushalt, sprachliche Barrieren und die starke Personalisierung der Arbeitsbeziehungen die Situation.

Die Projektidee: Eine Arbeitskleidung zur Abgrenzung von Arbeit und Freizeit

Mit der Einführung einer Arbeitskleidung für die häusliche Pflege möchten wir erreichen, dass Care-Migrant*innen insbesondere die Abgrenzung von Arbeitszeit und Freizeit leichter fällt. Kleidung lässt sich abstreifen und signalisiert dann deutlich: „Jetzt bin ich nicht im Dienst.“ Umgekehrt zeigt das Tragen der Arbeitskleidung den Pflegebedürftigen und Angehörigen, dass die Pflegekraft verfügbar und ansprechbar ist.

  • Eine Arbeitskleidung ermöglicht eine klarere Abgrenzung von Arbeitszeit und Freizeit innerhalb der „24-Stunden-Pflege“.

  • Care-Migrant*innen können beim nicht-Tragen der Arbeitskleidung verstärkt als Privatpersonen mit ihren eigenen Geschichten und eigenen Interessen wahrgenommen werden. Das Angestellten-Verhältnis wird in diesen Momenten aufgebrochen und Aushandlungen über Freizeit und Privatsphäre zum Beispiel können dadurch einfacher, weil objektiver werden.

  • Eine Arbeitskleidung steht symbolisch auch für den Arbeitsschutz. Aufgrund der emotionalen, physischen und körperlichen Belastungen bei der häuslichen Pflege, ist es wichtig, ihn auch in diesem Arbeitsumfeld zu thematisieren.

  • Durch das Tragen der Arbeitskleidung kann die Professionalität der Care-Migrant*innen stärker in den Vordergrund der Wahrnehmung rücken.

Die Umsetzung: Ein partizipativer Designprozess zur Gestaltung der Arbeitskleidung

Mit der Arbeitsgarderobe sollen sich sowohl die Care-Migrant*innen selbst, als auch die Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen wohl fühlen. Was die Kleidung dafür optisch und funktional erfüllen muss, erarbeiten wir zusammen mit den Betroffenen in einem teilhabenden Gestaltungsprozess: Durch mehrere Workshops mit unterschiedlichen Teilnehmer*innen werden prototypisch Ideen, Vorstellungen und Bedenken gesammelt. Erste Ansätze sind bereits bei einem ersten Workshop Anfang Oktober 2020 in Paderborn entstanden.

Caredrobe Workshopheft

Das Erkenntnisinteresse: Research through Design

Wir verfolgen mit dem Projekt das Ziel, nicht nur die Situation für Care-Migrant*innen zu verbessern, sondern auch eigene Erfahrungen im Bereich der Designforschung zu sammeln. Als Transformation Design Studentinnen sind wir daran interessiert, aus dem partizipativen Gestaltungsprozess selbst und später auch aus der Nutzung der Arbeitskleidung in der häuslichen Pflege neue Erkenntnisse zu gewinnen – etwa über das Veränderungspotenzial von Gestaltung in Hinblick auf Machtstrukturen und Aushandlungsprozesse in hierarchischen Arbeitsbeziehungen. Damit folgen wir dem Ansatz des “Research through Design (RtD)”. Gerne nehmen wir Anregungen entgegen und sind wir offen für mögliche Forschungskooperationen.

Ziel und Perspektive: Die Situation von Care-Migrant*innen vor dem deutschen Pflegesystem

Die prekäre Arbeitssitutation von Care-Migrant*innen steht symptomatisch für die Brüchigkeit des deutschen Pflegesystems, das bei Weitem nicht die Bedürfnisse aller Beteiligten erfüllt und stattdessen auf dem Rücken schlecht bezahlter Pflegekräfte ausgetragen wird.

Während der demografische Wandel zu einem Anstieg Pflegebedürftiger Personen führt, fehlt es dem gesamten Pflegesektor an Fachpersonal. Die niedrigen Löhne der Fachkräfte und die geringe Anerkennung der Arbeit bei gleichzeitig starker Belastung tragen zur Unattraktivität des Berufsbildes bei. Bis 2035 werden bei dieser Entwicklung rund 500.000 Fachkräftestellen unbesetzt sein. Gleichzeitig sinkt die Zahl pflegender Angehöriger; immer weniger Familien leben Generationen-übergreifend zusammen, immer mehr Menschen sind alleinstehend und kinderlos. Care-Migrant*innen sollen diese Versorgungslücke schließen.

Wir möchten mit unserem Projekt dazu anregen, auch langfristig über Alternativen zum aktuellen Pflegesystem nachzudenken. Dabei sehen wir die Verbesserung der Situation von Care-Migrant*innen als eine Impulsgebende “Nische” auf dem Weg zu einer wünschenswerten Transformation des deutschen Pflegesystems („Landscape“-Ebene). Die Multi-Level-Perspektive ist ein Ansatz aus der Innovationsforschung und veranschaulicht diese Motivation.

Caredrobe MLP

Medienbeiträge

  • Blogbeitrag bei Equal Care Day
  • Artikel in der Braunschweiger Zeitung
  • Artikel auf transformazine, dem Blog des Studiengangs Transformation Design M.A. (Hochschule für Bildende Künste Braunschweig)

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